Hurra! Ganze 5 Jahre ODEON

"ODEON" ist vor wenigen Wochen fünf Jahre alt geworden. (Hurraha) Glückwünsche nehmen wir gern entgegen. Und was fällt uns ein und auf, wenn der Sekt getrunken ist, die Geschenke ausgepackt und die Gratulanten gegangen sind?

Zunächst einmal, daß wir offenbar eine magische Marke überschritten haben: die Fünfjahres-Hungergrenze der kommunalen Kulturförderung. Diese Grenze ist so real wie die Armutsgrenze, die Baumgrenze oder die Grenze der Meinungsfreiheit.

In den Richtlinien der Stadt Stuttgart über die Förderung von Kleintheatern und freien Theatergruppen findet sich unter den mannigfaltigen Bedingungen, die ein Theater erfüllen muß, um in den Rang der Förderungswürdigkeit zu gelangen, auch die Bestimmung, daß eben dieses Theater "seit mindestens fünf Jahren existieren und über diesen Zeitraum einen kontinuierlichen Spielbetrieb nachweisen muß"..

Als kulturschaffende Institution ist folglich überhaupt nur existent, wer diese fünf Jahre überlebt, wer diese "Deadline" (in des Wortes wahrster Bedeutung) überschreiten kann, ohne allzugroßen Schaden genommen zu haben. Sollte es also ein Zufall gewesen sein, daß im Göppinger Gemeinderat die endgültige Entscheidung für den Ausbau des alten E-Werks ganz genau am 6. Juni diesen Jahres, mithin also fast exakt fünf Jahre nach der Vereinsgründung, fiel?

Dagegen spricht einiges, also doch: Hurra, wir leben noch. Und werden mittlerweile auch von Gemeinderat und Stadtverwaltung zur Kenntnis genommen, was sich in einem jährlichen Zuschuß, der für dieses Jahr 20 000.- beträgt, manifestiert. Natürlich freut uns auch, daß das städtische Kulturamt uns bei der Geburt unseres jüngsten. Kindes, des Jugendtheaterprogramms, die Hand gehalten hat.

Die Bilanzen jedenfalls können sich von Jahr zu Jahr mehr sehen lassen: nach fünf Jahren Arbeit bleiben 271 Veranstaltungen mit mehr als 30 000 Besucherinnen und ein Mitgliederstamm von mittlerweile 250 Menschen.

Das ist ODEON für den Statistiker, für die Mitarbeiterinnen waren diese ersten fünf Jahre eine Zeit der lustvollen Selbstausbeutung, des sich-einrichtens im Unzulänglichen. Wie mit einfachsten und durchgängig improvisierten Mitteln diese Menge an Veranstaltungen so reibungslos und nach und nach sogar mit einer erstaunlichen Routine in der Mängelverwaltung stattfinden konnten, wird auch dann noch ungeklärt bleiben, wenn die leiten der handbeschrifteten Eintrittskarten, der ständigen Gymnastik am Scheinwerfer und der Be- und Entstuhlungsorgien Iängst einer sentimental verklärten Vergangenheit angehören werden.

Und doch wurden durch diese langjährigen Improvisationen Strukturen geschaffen, die es überhaupt erst möglich machen, Veranstaltungen abseits des Kulturmonopols der Stadt durchzuführen. Diese Möglichkeiten gab es vor fünf Jahren zum Großteil noch gar nicht, mit dem ODEON-Programm ist also mittlerweile eine Alternative zum stätischen Kulturbetrieb etabliert, die zu nehmend auch überregional Anerkennung findet. Vergleicht man nun diese Ergebnisse mit den Ansprüchen, unter denen wir vor fünf Jahren angetreten sind, so läßt sich sagen, daß die eine Hälfte unserer Ziele verwirklicht ist Immerhin die Hälfte und leider nur die Hälfte.

Den zweiten Teil unseres programmatischen Vereins-Untertitels, den Kontakt nämlich, konnten wir bisher noch nicht so einlösen, wie wir uns das vorgestellt hatten. Aber ein bissel Utopie muß doch immer noch übrigbleiben, erstens.

Zweitens gehört es unbestreitbar zu den schwierigsten Aufgaben, auch das mußten wir feststellen, auch nur einen Teil dieses berühmten "mehr, als den nackten Kulturabend" zu realisieren, zumal ohne geeignete Räumlichkeiten. Allein schon aus diesem Grunde wird dann also und drittens im renovierten alten E-Werk alles anders sein. Und besser. "ODEON im alten E-Werk" werden wir uns nennen. Bis dahin leben wir in den guten, alten Zeiten. Und die hat es bekanntlich ja nie gegeben, in echt.
Udo N. Moll"

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